Archiv für Mai 2010

Herzlichen Glückwunsch, ihr Kartoffeln!

Über den wiedermal aufkeimenden Nationalstolz
in Deutschland anlässlich des Eurovisionsongcontests

„Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.“ (Arthur Schopenhauer, Philosoph)

Den reflektierten Zuschauern der ARD und Prosieben bot sich gestern Nacht ein schon fast abscheuliches Bild:
Tausende Deutsche feierten den Sieg „ihrer“ Lena beim Eurovisonsongcontest, als wäre es ihr eigener gewesen. Nach Jahren voller Schmach und Niederlagen gibt es endlich wieder einen Stern am deutschen Pophimmel. Passend zur WM, bei der schon im Jahr 2006 stolz präsentiert wurde, dass mensch nun endlich wieder stolz auf sein Land sein kann, wurde auch am letzten Samstag schon mal fleißig für das anstehende Großevent geprobt. Publicviewing in Hamburg, Hannover und in vielen kleinen, patriotischen Heimkinosäalen in ganz Deutschland. Und überall das selbe Bild:
Jubel und Freudenschrei über den Sieg der deutschen Teilnehmerin!
„Wir haben gewonnen!“, lang lebe die Volksgemeinschaft. Dass letztendlich nur eine handvoll Menschen an dem Sieg von Lena Meyer-Landrut beteiligt waren interessiert niemanden. Der Erfolg und der Sieg werden gefeiert, als hätte mensch höchstpersönlich auf der Bühne in Oslo gestanden. Das Problem jedoch ist, dass de facto keiner außer Lena und deren Background-Sängerin auf der Bühne stand und sich einmal mehr zeigt, wie sehr Patriotismus und Nationalstolz auch endlich wieder in Deutschland zelebriert werden.
Mensch stellt sich damit ein Armutszeugnis aus: Einmal mehr wird sich damit selbst eingestanden, dass die eigenen Leistungen derart minderwertig und unbedeutend sind und nun die Leistungen anderer Menschen, die zufällig die selbe Nationalität haben, dazu benutzt werden, um das eigene Kartoffel-Ego aufzupolieren!
Eigentlich gäbe es damit ja kein Problem, käme es bei Patriotismus und Nationalstolz nicht zur damit verbundenen Abgrenzung zu anderen Nationen, so dass alle anderen, die nicht „deutsch“ sind auch nicht gewonnen haben, dementsprechend die „Verlierer“ des Abends sind.
Führt mensch diesen Gedanken weiter, lassen sich Überfälle auf Migrant_innen, wie vor wenigen Jahren in Mügeln, aber auch die Ablehnung des Muezzinrufes hier in Büdelsdorf leicht erklären. Das eigene „Deutschsein“ wird überhöht, womit quasi zwangweise die Abwertung vermeintlich Anderer einhergeht. Weder Muslime noch Migrant_innen werden als „deutsch“ anerkannt, sie sind die „Verlierer“ und partizipieren demnach auch nicht an der „deutschen Siegergesellschaft“ und werden so zum Ziel von Angriffen!

In diesem Sinne:
Herzlichen Glückwunsch, ihr Kartoffeln
Bei der Einstellung, seid, wart und werded ihr für uns auf ewig Verlierer bleiben!!

Antifaschistische Aktion Rendsburg, Mai 2010

Kevin gegen Deutschland? Gedanken über eine rassistische Hetzkampagne

Wer in den letzten Tagen die deutsche Boulevardpresse und die Welle der Empörung im Internet verfolgt hat, wird schon wissen worum es geht – um das Foul von Kevin-Prince Boateng an Michael Ballack, vor allem aber um die Reaktionen darauf. Es soll hier nicht darum gehen, ein Foul an einem zufälligerweise deutschen Spieler als quasi fortschrittliche Handlung abzufeiern, sondern um eine differenzierte Betrachtung. Zuerst zu den Fakten: Der Fußballer Kevin Boateng hat Michael Ballack bei einem Fußballspiel ziemlich rüde von den Beinen geholt und dafür zu Recht eine gelbe Karte gesehen. Hätte der Schiedsrichter eine Absicht hinter dem Foul erkannt, dann hätte Boateng die rote Karte sehen müssen, der Schiedsrichter hat keine Absicht gesehen und auch nach mehrmaligem Ansehen der Szene, maßt sich der Autor nicht an, bei dem Foul Absicht zu unterstellen. Es war vielmehr ein Foul, wie es in den meisten Fußballspielen vorkommt. Leider hat sich der gefoulte Spieler bei dem Foul verletzt. Das ist unschön, aber auch das kommt gelegentlich vor. In spaßiger Runde auf dem lokalen Bolzplatz wird in aller Regel probiert solche Fouls zu vermeiden. In einem Geschäft wie Profifußball, wo der finanzielle Erfolg ähnlich wichtig ist, wie der sportliche, ist es nur logisch, dass mit vollem Einsatz gespielt wird – zumal in einem Pokalfinale, wo es für Spieler und Vereine um nicht unwesentliche Mehreinnahmen geht. Unter anderem auch für das Risiko ihre Knochen hinzuhalten, werden Profifußballer mit außerordentlich hohen Gehältern bezahlt.
Warum also schlägt Boatengs Foul so hohe Wellen, nicht aber das Foul von Torsten Frings an Bastian Schweinsteiger im deutschen Pokalfinale? Frings hätte – nach Ballacks Verletzung erst Recht – die ernsthafte Chance noch bei der Weltmeisterschaft anzutreten, wenn er Schweinsteiger verletzt, Frings sah für sein Frustfoul zu Recht die rote Karte.
Die Hetze gegen Boateng muss also anderweitig motiviert sein, als rein sportlich.
Hierfür ist vielleicht Blick auf Boatengs Hintergrund wichtig: Als Sohn eines Ghanaers in einem Brennpunkt von Berlin aufgewachsen, passt er in das klischeehafte Zerrbild, das viele Deutsche von Migrant_Innen haben. Ein unbestreitbar brillanter Fußballer, den der Boulevard noch 2006 zum „schwarzen Rahn“ erklärte, weil er entfernt mit Helmut Rahn verwandt ist, dem Schützen des entscheidenden Tores für die BRD im WM-Finale 1954. Schon dieser Beiname beweist, dass es dem deutschen Boulevard nicht um den Fußballer Boateng an sich geht, sondern er eine Projektionsfläche für die deutsche Identität ist. Boateng selbst kam mit dem Geschäft Profifußball anscheinend nicht allzugut klar, tanzte aus der Reihe, trat betrunken Autospiegel ab, verhielt sich nicht wie andere glattgeschliffene Profis. Im Grunde genommen ein sympathischer Zug, sich seine Persönlichkeit im Profifußball zu bewahren und sich nicht zu verhalten, wie ein durchgestyltes Imagekonzept vorgibt. Nun hat Boateng auch noch einen Bruder, Jeromé, der in einem etwas „besseren“ Teil Berlins aufgewachsen ist und eher dem glattgebügelten Fußballprofi entspricht.
Beste Bedingungen dafür, hier alle Vorurteile gegenüber Migrant_Innen zu bedienen und Kevin-Prince zum Brutalofußballer par excellence zu stilisieren, fast vergleichbar mit jugendlichen „U-Bahnschlägern mit Migrationshintergrund.“ Hier kann sehr einfach die typische Unterscheidung zwischen „guten“ und „bösen“ Migrant_Innen vorgenommen werden. Im Gegensatz zu seinem Bruder, wurde bei Kevin-Prince auch recht bald klar, dass er nicht ins DFB-System passt und daher keine Chancen hat, für die deutsche A-Nationalmannschaft zu spielen. Er entschied sich daher, für Ghana anzutreten und kann mit Ghana wohl zur WM fahren. Aufgrund dieser Tatsache wird ihm nun von diversen Seiten beim Foul gegen Michael Ballack der Wille unterstellt, diesen zu verletzen, um Deutschland für die WM zu schwächen (unabhängig davon, ob der Ausfall Ballacks das DFB-Team wirklich schwächt, was autorenseitig stark bezweifelt wird). Wie absurd dieser Gedankengang ist, wurde ja bereits oben und am Vergleich mit dem Foul von Torsten Frings dargelegt. Was folgte war eine massive Hetzkampagne gegen Boateng. Die von der Presse geschürten Behauptungen trafen auf fruchtbaren Boden und im Internet fanden sich schnell allerlei Hasstiraden gegen Boateng, innerhalb kürzester Zeit traten über 70.000 Leute einer Boateng-Hassgruppe im sozialen Netzwerk Facebook bei.
Diese Ausmaße des Hasses auf Boateng, belegen das, was Kritiker_Innen des deutschen Nationalismus schon bei der WM 2006 äußerten: Nationaler Taumel ist ohne Ausgrenzung nicht zu haben. Kam es schon 2006 und 2008 zu rassistisch motivierten Übergriffen im Rahmen von Spielen der DFB-Elf, hat die Hetze gegen Boateng trotzdem eine andere Dimension: Sie beweist, dass es immernoch möglich ist, dass die Boulevardpresse mit rassistischen Argumenten eine Menge Deutsche mobilisiert, dass es den unbeschwerten Patriotismus ohne chauvinistischen Unterton so nicht gibt.

Love football (or hate it, if you want) – hate fascism (more)!
Don‘t fight Ballack – fight the racist game!
Rassisten blutgrätschen!

Solidarität mit dem Buchladen Zapata

Wir dokumentieren eine PM des Kieler Buchladens Zapata:

„Pressemitteilung des Buchladen Zapata

DerBuchladen Zapata wurde erneut Ziel eines nächtlichenNaziangriffs.

Nochnicht einmal sind alle Schäden des letzten Angriffs vom18.02.2010 beseitigt, da fliegen weitere Steine in dieSchaufensterscheiben im Jungfernstieg.

AmAbend des 09.05.2010 gegen 23 Uhr 30 durchbrachen drei großeSteine, geworfen von drei Personen, die Scheiben. Die Gewalt desWurfs zerbrach nicht nur Glas, sondern diesmal wurden auch Bücherund Lampen im Laden zerstört. Im Unterschied zum letzten Malwurden die Täter von mehreren Personen gesehen, als sie sichschnell entfernten und in einem Auto wegfuhren, dessen Kennzeichenvon einem der Zeugen erkannt und der Polizei mitgeteilt wurde.Gerüchten zufolge ist ein Wagen mit diesem Kennzeichenpolizeilich bekannt als Fahrzeug aus der Nazi-Szene.
Nichtganz zufällig am Tag nach dem Jahrestag der Befreiung vomFaschismus am 08.05.1945 geht eine neue Welle der Gewalt von derbraunen Szene in Kiel aus. Auch im Wohnprojekt am Timmerberg richtetedie Zerstörungswut der Nazis große Schäden an, wie imBuchladen größere, als es bisher jemals der Fall war. DieEntwicklung zeigt, dass sich die Nazis immer sicherer fühlen undmit immer stärkerem Gewaltpotential vorgehen: selbst vorSchüssen mit scharfer Waffe schreckten sie nicht zurück,als sie im Januar die Alte Meierei angriffen. Doch dieses Mal wiegtensie sich zu sehr in Sicherheit: die relativ frühe Uhrzeit, dieZeugen, die sofort die Polizei riefen, und der bekannte Wagen lassenschließen, dass sie nicht ungeschoren davonkommen werden. EineEinstellung der Ermittlungen kann sich die Staatsanwaltschaft indiesem Fall nicht leisten.
DieHäufung derartiger Vorkommnisse, die immer kürzerenAbstände dazwischen und das ansteigende Gewaltpotential sindZeichen einer Entwicklung, der mehr als dringend und mit vereintenKräften entgegengetreten werden muss. Nazis und ihremenschenverachtende „Weltanschauung“ haben in dieser Gesellschaftnichts zu suchen!

Kiel,09.05.2010 (us)“