Religionsfreiheit hört da auf, wo sie anfängt? Beitrag zu einer überflüssigen Debatte

Religionsfreiheit hört da auf, wo sie anfängt? Beitrag zu einer überflüssigen Debatte
Stellungnahme der Antifa Rendsburg [AARD] zum Muezzinruf und zu Islamophobie

Eine Stellungnahme zum Thema schien unnötig. Ein Sturm im Wasserglas, eine Diskussion, die nach einer Woche wieder versandet. Bis die Büdelsdorfer CDU sich bemüßigt fühlte eine Diskussion am Köcheln zu halten, die mangels rechtlicher Handhabe und mangels inhaltlicher Tiefe der Argumente der MoscheegegnerInnen ohnehin schon im luftleeren Raum geführt wurde, ohne irgendeine praktische Relevanz für irgendetwas. Religionsfreiheit fängt nicht auf dem Papier des Grundgesetzes an, sondern dort, wo sie praktisch beginnt. Dazu zählt selbstverständlich auch die negative Religionsfreiheit, also der Verzicht zu glauben und an religiösen Veranstaltungen teilzunehmen. Genau wie AtheistInnen haben aber auch Gläubige das Recht, für ihren Glauben zu werben. Genau das tun Muezzin und Kirchenglocken. Die islamische Gemeinde in Rendsburg hat, genauso wie alle anderen Glaubensgemeinschaften in Rendsburg, nicht zu Gewalttaten gegen Nichtgläubige aufgerufen. Wer eben diese Befürchtung äußert, betreibt Panikmache auf dem Rücken einer Minderheit, auch wenn er sich in quasi-religiösen Wahnvorstellungen als einsamer Warner wähnt.


Folgende Fakten halten wir einmal fest:

1.Die islamische Gemeinde benötigt ein Lärmgutachten, bevor der Muezzin vom Minarett aus rufen darf. Sie unterliegt damit den gleichen Lärmschutzbeschränkungen, wie jede andere Geräuschquelle auch – ob Eisenbahn, Industriebetrieb oder Kirchenglocken.
2.Wer sich speziell gegen den Ruf des Muezzins richtet und dies, wie die Initiatoren des Büdelsdorfer Bürgerbegehrens ideologisch begründet und nicht die Wahrheit sagt, nämlich einen fallenden Grundstückswert zu befürchten, argumentiert scheinheilig.

Dennoch wollen wir auf die Argumentation verschiedener GegnerInnen eines öffentlichen Muezzinrufs eingehen, da sie stellvertretend für Vorurteile stehen, die scheinbar von einer ganzen Zahl an BürgerInnen in Rendsburg, Büdelsdorf und Umgebung geteilt werden, denn sonst hätte nicht knapp 800 Menschen deren Aufruf unterschrieben.

Die Bürgerinitiative „Kein öffentlicher Gebetsruf“

besteht hauptsächlich aus Büdelsdorfer Geschäftsleuten und wurde vom einem direkten Nachbarn der Moschee initiiert, der einen Verfall seines Grundstückswertes befürchtet. In einer seitenlangen Erläuterung begründen sie, warum sie gegen einen öffentlichen Muezzinruf sind. Dabei schwanken sie zwischen lärmschutzbezogenen Argumenten und einer politischen Argumentation. Im Gegensatz zu Kirchenglocken, so argumentiert diese Fraktion, habe der aus Worten bestehende Muezzinruf eine inhaltliche Aussage und sei daher abzulehnen. Dies ist blanker Unsinn. Seinen Inhalt enthält jedes Geräusch und jede Aneinanderreihung von Geräuschen erst dadurch, dass andere Menschen einen Inhalt damit verbinden. Sprache und Kirchenglocken funktionieren also im Prinzip sehr ähnlich.
Als Quellen dienen der Bürgerinitiative unter anderem die Partei „Pro Köln“ und die Zeitung „Junge Freiheit“, beide sind im rechten Spektrum einzuordnen und übernehmen eine Scharnierfunktion zwischen der intellektuell angehauchten „Neuen Rechten“ und neo-nazistischen Konzepten.

Die Büdelsdorfer CDU

positioniert sich in der Debatte gegen den Muezzinruf auf der Linie derBundespartei. Die CDU gibt im bundesweiten Diskurs um „Integration“ von MigrantInnen vor, eiserne Hüterin von Homosexuellen- und Frauenrechten zu sein und diese als vermeintlich „westliche Werte“ im halluzinierten Kampf der Kulturen in Stellung zu bringen. Wir reden hierbei von der gleichen CDU, die mehrheitlich dagegen war, Vergewaltigungen in der Ehe unter Strafe zu stellen. Der gleichen CDU, die immernoch gegen die „Homo-Ehe“ kämpft und der gleichen CDU eins deren Rendsburger Ratsmitglieder in seiner Funktion als Lehrkraft an einer der Moschee benachbarten Schule im Unterricht auch gerne einmal in die homophobe und sexistische Mottenkiste greift.

Die Diskussion um die vermeintliche Rückständigkeit des Islam, wie sie von extrem rechten Organisationen wie Pro Köln geschürt aber auch von der CDU gerne mitgetragen wird, erlaubt es Menschen, sich als moralisch überlegene Verteidiger der Freiheit zu fühlen, obwohl sie eben diese Freiheit durch ihr eigenes Verhalten allzuoft verraten.
„Hassprediger“ finden sich überwiegend nicht in Moscheen, sondern in der Mitte der Gesellschaft und in Regierungsämtern. Eine Debatte über Hass gegen Minderheiten, Homophobie, Sexismus und reaktionäres Denken ist leider bitter notwendig. Eine Debatte, die derartige Denkweisen nahezu allein an MuslimInnen festmacht, geht an den gesellschaftlichen Realitäten vorbei und ist rassistisch und gehört schnellstens beendet.

Wir sprechen uns für den öffentlichen Muezzinruf aus – beschränkt von ganz normalen Lärmschutzmaßnahmen.
Wir sind entschieden gegen Menschen, die rassistische Vorurteile bedienen, weil sie um ihren Grundstückswert fürchten!