Rezension: Regina Rusch – Amira, du gehörst zu uns

Allen PISA-Ergebnissen über die Leseschwäche von Schüler_Innen in Deutschland trotzend, kann knapp die Hälfte unserer Gruppe dennoch lesen. Das restliche Drittel bildet sich vornehmlich über Hörspiele und Fernsehdokus fort. Einige Dinge, die wir uns zu Gemüte geführt haben, sind es durchaus wert, dass wir uns auf dieser Plattform nocheinmal mit ihnen auseinandersetzen, sie kritisch betrachten oder sie euch weiterempfehlen. In Anbetracht unseres selbstgesetzten Anspruchs, mehr als nur ein Infoportal für Naziaktivitäten in Rendsburg zu sein, werden wir hier künftig auch mal etwas Feuilleton zu machen. Wir werden dabei selbstverständlich probieren nicht in Beliebigkeit zu verfallen, sondern interessante Bücher, Filme, Veranstaltungen und Artikel aus einer kritischen, linken Perspektive zu besprechen. Von einer Flut an Beiträgen über die Masse von uns konsumierter Comicheftchen bleibt ihr also verschont, auch wenn es teilweise interessant ist, Mainstream-Humor mal aus einer kritischen Perspektive zu betrachten.

Beginnen wollen wir mit einer Buchbesprechung:
Eher zufällig fiel mir das Buch „Amira, du gehörst zu uns“ in die Hände. Eigentlich eher ein Kinderbuch, als ein Buch für Erwachsene. Die Autorin, Regina Rusch, setzt sich in ihren Kinderbüchern vornehmlich mit Themen auseinander, die Kinder und Jugendliche betreffen, ob das nun Gewalt auf dem Schulhof ist oder halt die drohende Abschiebung einer Klassenkameradin. Von eben dieser Thematik handelt das Buch. Es beschreibt den fiktiven, aber leider nicht unrealistischen Fall einer bosnischen Familie, die aus Deutschland abgeschoben werden soll. Amira, die Tochter der Familie, hat mit ihrer Freundin Merle schon die Ferien geplant, als ein Brief von der Ausländerbehörde eintrifft, der der Familie ihre baldige Abschiebung verkündet. Ihre Schulklasse tut sich zusammen, organisiert ein breites Unterstützer_Innenumfeld und eine Demonstration und sorgt in Zusammenarbeit mit vielen anderen Leuten letzlich für ein HappyEnd, das es so in der Realität leider nicht immer gibt – durch das glückliche Ende, regt das Buch aber auch dazu an, sich in solchen Fällen zu engagieren und zu kämpfen, anstatt zu resignieren. Vor allem aber schildert das Buch in einer kindgerechten Weise Situationen, mit denen Migrant_Innen in Deutschland häufig konfrontiert werden. Es geht auf das Leben ohne gültige Papiere ein und erklärt die Konsequenzen am Beispiel einer illegalisierten Haushalthilfe und an Amiras Bruder Ekram, der sich nicht traut zur Polizei und zum Zahnarzt zu gehen, weil er nicht erkannt werden will. Das Buch beschreibt den psychischen Druck, der auf Menschen lastet, die anstelle eines gesicherten Aufenthaltsstatus mit Kettenduldungen leben müssen und die fürchterliche Situation, nach vielen Jahren aus einem Land abgeschoben zu werden, in dem mensch sich eingelebt hat.
Dies ist auch der Hauptkritikpunkt an dem Buch: Abschiebungen sind natürlich nicht nur dann eine Grausamkeit, wenn Menschen schon lange hier leben, sondern sind generell ein Angriff auf die Menschenwürde. Dass im Buch trotzdem ein sogenannter „Härtefall“ beschrieben wird, liegt aber vielleicht auch daran, dass sich solche Fälle anschaulicher beschreiben lassen und bei mehr Menschen Emotionen hervorrufen.
Insgesamt ist das Buch aber durchweg gelungen, grade um Kinder an ein Thema wie Abschiebung heranzuführen, aber auch um Erwachsenen einmal am Beispiel einer durchaus realistischen Geschichte vor Augen zu führen, was Abschiebungen für die Betroffenen und auch ihren Freundeskreis bedeuten können. Wenn ihr also Nichten, Neffen, eigene Kinder, Patenkinder oder kleinere Geschwister habt, dann wisst ihr ja, was ihr denen mal vorlesen könnt.

Mal gucken, was wir hier als nächstes rezensieren oder kommentieren. Hängt auch davon ab, welches Mitglied des Autor_Innenteams in nächster Zeit am meisten Freizeit hat, um über Gelesenes zu schreiben.