Bericht: Entschwörungstheorie

Entschwörungstheorie

Am Mittwoch, den 8.7., hat Daniel Kulla (http://www.classless.org) in Kiel bei einer Veranstaltung des AK Kritischer Studierender (http://www.akkiel.blogsport.de) sein Buch „Entschwörungstheorie“ vorgestellt. Gleich zu Beginn stellte er klar, dass der Titel auch ironisch zu verstehen sei, ginge es ihm doch nicht um eine generelle Ablehnung von Verschwörungstheorien, in denen er sogar kritisches Potenzial sieht, sondern um die Ablehnung von Verschwörungsideologien, die keine Fragen stellen und Antworten suchen, sondern passende Fragen für die vorgefertigte Antwort suchen. Im Laufe der Veranstaltung differenzierte Kulla immer zwischen kritischem Hinterfragen der „offiziellen Wahrheit“ und einer verschwörungsideologischen Verschwörungstheorie, die das Böse außerhalb des eigenen identitären Kollektivs projiziert, da diese häufig sehr nah am antisemitischen Stereotyp argumentieren oder sogar antisemitische Ressentiments bedienen.
Danach ging er auf anti-babylonische Äußerungen ein, die es hauptsächlich im klassisch linksradikalen Milieu zu finden gibt und illustrierte dies am Beispiel von Ton, Steine, Scherben (dennoch eine großartige Band, Anm. 2/3 d. Red.). Ihren Ursprung hat anti-babylonisches Denken in religiöser Moral, in der Bibel wird Babylon als unmoralisch dargestellt, weil es eine multiethnische Stadt ist, deren Bewohner_Innen teilweise in Luxus schwelgten und ein ausgiebiges Sexualleben hatten und die sich mit dem Turmbau die metaphorische Emanzipation des Menschen anmaßten. Daraufhin folgte, glaubt mensch der Bibel, eine göttliche Strafe für die Babylonier_Innen. Dieses apokalyptische Denken ist auch vielen Verschwörungsideologien zu Eigen, so wurde in Teilen der verschwörungsideologischen Szene 9/11 als Strafe für die angebliche Unmoral der USA angesehen. Dieser reaktionäre Hass auf angebliche Ausschweifungen und bürgerliche (Schein-)Freiheit äußerte sich beispielsweise in Horst Mahlers Abgefeiere der Anschläge. Danach erörterte Kulla die Spaltung der linksradikalen Bewegung in verschiedene Lager, im Schlepptau der Anschläge am 11. September. Seine These war, dass Teile der No Global-Bewegung auch verschwörungsideologisch argumentieren, indem sie simple Erklärungsmuster schaffen und klar in gut und böse unterteilen, anstatt komplexe Strukturen analytisch zu ergründen und zu kritisieren. Immer wieder lobte Kulla die amerikanische Kultur von Verschwörungstheorien, die ergebnisoffen, staatskritisch und damit potenziell emanzipatorisch sei. Auch wenn mr das weiterhin zweifelhaft erscheint, da es auch aus den USA genügend Beispiele für reaktionäres Verschwörungsdenken gibt. Ansonsten ein insgesamt recht interessanter Vortrag.