Archiv für Mai 2009

Adidas feiert in Nazi-Villa

Bayern München, die deutsche Fussball-Nationalelf und sogar Kubas greiser Diktator Fidel Castro schwören auf Adidas, die Marke mit den drei Streifen. Dieses Jahr wird der Weltkonzern aus dem bayrischen Herzogenaurach 60 Jahre alt. Das will gefeiert werden: Rund um den Globus lädt das Unternehmen ausgewählte Gäste – darunter etwa Missy Elliott und David Beckham – zu exklusiven „Adidas House Partys“.

Vergangen Freitag feierte man in Rio de Janeiro. In einer mondänen Privatvilla im Reichenviertel Gávea konnten sich rund 400 geladene Gäste – darunter auch der Sohn des Tropicalismo-Stars Caetano Veloso, Zeca Veloso – zu Livemusik und DJs vergnügen. Oder ein Bad im Pool nehmen – mitten unter blauen und weißen Luftballons mit dem Adidas-Logo. Die Fliesen, die das Schwimmbecken umrandeten, wurden von einem anderen Symbol geziert: dem Hakenkreuz.

Der ganze Artikel in der TAZ

2. Veranstaltung im Rahmen der Antira-Woche: Die Situation in Griechenland

Bei dem heutigen Vortrag berichteten 2 Vertreter_Innen von „Kein Mensch ist illegal Hamburg“ über die Situation von Flüchtlingen in Griechenland, unterstützt wurden sie von Samir, einem afghanischen Flüchtling, der über Griechenland nach Deutschland kam.
Die Veranstaltung war mit etwa 20 Leuten erneut einigermaßen gut besucht, obwohl es bürgerliche Menschen sicherlich etwas Überwindung kostet, in die T-Stube zu gehen.
In Griechenland Asyl zu finden ist quasi unmöglich, letztes Jahr wurde 1 (!) Asylantrag angenommen. In letzter Zeit kamen 3 Menschen beim Versuch Asyl zu beantragen um, da die Schlange vor der Ausländerbehörde von der Polizei häufig brutal attackiert wird. Dennoch ist Griechenland eine Durchgangsstation für viele Flüchtlinge, da es nahe der Türkei liegt. In Griechenland angekommen, kommen die meisten Flüchtlinge erstmal für bis zu 3 Monate ins Gefängnis, danach erhalten sie eine Anordnung, Griechenland innerhalb von 30 Tagen zu verlassen. In den Gefängnissen werden die Flüchtlinge geschlagen und zum Teil auch gefoltert.
Samir beschrieb die Situation folgendermaßen: Als Flüchtling habe mensch die Vorstellung, in Europa gäbe es Menschenrechte, bei der Ankunft in Griechenland allerdings, werden diese Erwartungen enttäuscht. Außerdem hat Samir ein Video gezeigt, dass eindrucksvoll die Lage im Hafen Patras zeigt. Das Video hat er inzwischen auch bei Youtube hochgeladen:

Um auf die Situation in Lesvos aufmerksam zu machen, findet dort im August ein Antiracamp statt.

Bevar Christiania!

Nach mehr als 30 Jahren soll die autonome Siedlung Christiana in Kopenhagen endgültig aufgelöst werden. Ein dänisches Gericht verwehrte den rund 900 Bewohnern am Dienstag das Bleiberecht in den besetzten Häusern eines ehemaligen Marinestützpunkts. Die Klage der Autonomen gegen Regierungspläne für einen Abriss der Gebäude wurde damit abgewiesen.

Weiter in der Süddeutschen Zeitung

Europarat bescheinigt der deutschen Regierung Fehler in der Integrations-Politik

Täglich werden Asylbewerber, Juden und Schwarze diskriminiert – der Europarat bescheinigt Berlin, sich im Kampf gegen Rassismus zwar zu bemühen, doch nicht wirksam genug

Die Zeit berichtet von einem Bericht des Europarats, der die eklatanten Fehler der deutschen Politik in Bezug auf Antirassismus, Integration und Toleranz aufzudecken versucht.

Thematisch passend beschäftigen wir uns diese Woche mit dem Problem des staatlichen Rassismus in Deutschland und der Hürden, die die bundesdeutsche Gesetzgebung der Integration von Flüchtlingen und MigrantInnen in den Weg stellt. Wir sehen die Problematik allerdings schon im fehlenden Bemühen der deutschen Politik, nicht nur in schlampiger Ausführung.

Nachtrag: Die Zeit beschäftigt sich ausführlicher mit der Kritik!

Nachher: Die Situation von Flüchtlingen in Griechenland/Antiracamp auf Lesvos

Um 19 Uhr findet in der T-Stube im Rendsburger Stadtpark eine Veranstaltung zur Situation von Flüchtlingen in Griechenland statt. Als eines der Länder an der EU-Außengrenze kommen viele Flüchtlinge nach Griechenland, die dort unter furchtbaren Bedingungen leiden müssen und zum Beispiel geschlagen werden. Gegen die Bedingungen in einem der griechischen Auffanglager auf der Insel Lesvos/Lesbos (richtige Schreibweise?) findet im Sommer ein Antiracamp dort statt.

Über die Situation in Griechenand und das Camp berichten Vertreter_Innen von „Kein Mensch ist illegal Hamburg“ zusammen mit einem Flüchtling.

Dienstag, 26.5., 19 Uhr, T-Stube Rendsburg, Die Situation von Flüchtlingen in Griechenland

Eine Veranstaltung von Antifa Rendsburg und Netzwerk Asyl im Rahmen der Antira-Woche

Naziszene: Islamophobie vs. Antisemitismus?

Die jungle world berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über die Theorie einiger Nazis, die rechte Szene sei dabei „zionistisch unterwandert“ zu werden.

In einschlägigen Nazi-Internetforen wie Altermedia ist man derzeit besonders empört: Dass »die Zionisten« die Weltherrschaft anstreben, ist für überzeugte Kameraden ja nichts Neues. Dass sie nun aber tatsächlich drauf und dran sein sollen, gezielt die rechtsextreme Szene Europas und nicht zuletzt Deutschlands zu unterwandern und zu spalten, ist selbst für gestandene Antisemiten ein starkes Stück. Die Rede ist von einer angeblichen »Israel-Connection« verschiedener rechtsextremer Parteien und Gruppen in Europa – enthüllt unter anderem von dem argentinischen Nazi-Ideologen Carlos Dufour in einem Text mit dem Titel »Feindliche Übernahme«. Diesen hat die rechtsextreme Zeitschrift Volk in Bewegung in ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlicht, die sich ganz dem Thema »Die europäische Rechte und die ›Israel-Connection‹« widmet.

Vollständiger Artikel.
Das eigentlich Interessante an der Sache ist aber, dass es in der Naziszene eine Spaltung zwischen primär antisemitischen und primär islamophoben Nazis zu geben scheint. Diese Spaltung wurde ja bereits im Konflikt in der Hamburger NPD zwischen Rieger und Zysk deutlich, aber auch an dem Entstehen der „Pro“-Bewegungen, die gegen eine angebliche „Islamisierung“ Deutschlands wettern. Dennoch, echte NationalistInnen können nicht aus ihrer Haut: Auf dem Pro Köln-Kongress vor einem halben Jahr gab es antisemitische Äußerungen und auch für klassisch antisemitische Nazis ist der Islam innerhalb Deutschlands ein Feindbild. Der Unterschied ist also eher, welchem der selbst erfundenen Probleme eine höhere Priorität eingeräumt wird. Und bei internen Streitigkeiten in der Naziszene gilt: Bitte mehr davon und so doll wie möglich!

Antira-Woche: Erster Abend ein voller Erfolg!

Es war gemütlich, als sich etwa 40 Personen heute, Mo. 25.5.09, in einem kleinen Raum in der Volkshochschule Rendsburg versammelten, um die Antirassistische Aktionswoche Rendsburg einzuläuten. Die Atmosphäre war von anfang an entspannt, fast schon familiär. Teils kannte man sich, teils lernte man sich kennen, man redete untereinander und wurde dann aber auch alsbald still, als sich die Eröffnung anbahnte.

Gegen 19.00 eröffnete ein Vertreter des OrganisatorInnenkreises mit einigen Worten die Veranstaltung und übergab das Wort an Achim Weinrich. Trotz der traurigen Mitteilung, dass Gregor Ferczynski, seines Zeichens hauptberuflicher Verfahrensberater im Abschiebeknast Rendsburg, seinen Vortrag absagen musste, begann Achim seinen interessanten Vortrag. Er erläuterte zunächst Gregors und seine eigene Rolle im Abschiebeknast. Als Verfahrensberater bemühen sich beide um persönliche Betreuung der Gefangenen, sowie um Vermittlung von Rechtsberatung und Öffentlichkeitsarbeit.

Nachdem Achim zusammen mit Danny Jozez, einem ehemaligen Insassen des Rendsburger Knastes, der selbst schon 3 Abschiebungsversuche erleben musste, einen Kurzeindruck des Alltags der Häftlinge erläuterte, stellte sich die Besuchergruppe der Christkirchengemeinde vor. Die beiden Vertreterinnen der Gruppe versuchten, den Anwesenden ihre Motivation und selbstgegebene Aufgabe näher zu bringen. Anschaulich berichteten sie von den Erfahrungen, die sie mit Häftlingen des Gefängis in den seit 6 Jahren regelmäßig stattfindenden Besuchen machen durften, und von den Hoffnungen und Chancen für die Insassen, die sie in ihren Besuchen finden.

Kurz vorgestellt wurden außerdem die Mahnwachen, sie seit Beginn der Planungen dieser Projektwoche wieder regelmäßig Donnerstags vorm Abschiebeknast stattfinden, sowie ein Theaterprojekt über den Abschiebeknast, das unter anderem von Eckhart Vogt für die interkulturelle Woche im September geplant wird. Rege Diskussionen über Duldungsrecht, die Legitimation und den Sinn sozialer Arbeit, den Alltag im Abschiebeknast und den Nutzen und die Notwendigkeit politischer Arbeit folgten im Anschluss an die interessanten und spannenden Vorträge der Referenten.

Auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung blieb noch Gesprächsstoff für die obligatorische Raucherpause vor dem VHS-Gebäude.

Wir sind begeistert und stolz, dass dieser erste Abend ein solcher Erfolg wurde und wir hoffen, dass die restlichen Veranstaltungen sich ähnlicher Beliebtheit erfreuen werden. In diesem Sinne laden wir alle Leserinnen und Leser dieses Berichts ein, morgen um 19.00 in die T-Stube Rendsburg zu kommen. Es erwartet Euch ein Bericht über ein Antira-Camp auf Lesbos, gehalten von VertreterInnen der Gruppe „Kein Mensch Ist Illegal“ aus Hamburg.

Wir bedanken uns bei allen anwesenden Gästen, die diese Eröffnung zu einer tollen Veranstaltung gemacht haben.

Spitzel-Affäre soll Westdeutschland entlasten

Seit dem Bekanntwerden der Stasiaktivitäten des Ohnesorg-Todesschützen von 1967 Karl-Heinz Kurras, wetteifern die deutschen Medien um die größte Entlastung der Bundesbehörden. Nachdem der Mord an einem demonstrierenden Studenten nun, ohne, dass diese Behauptung sich auf irgendwelche Indizien oder gar Fakten zu stützen vermag, die Stasi als Hauptverantwortlichen und bösen Intriganten in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken lässt, scheint sich für den guten Deutschen eine Lücke aufzutun.

Und diese versucht er eiskalt zu nutzen: Geschickt, unaufällig und doch irgendwie für alle sichtbar sollen die Bundesbehörden einmal mehr entlastet werden. Diesmal allerdings im historischen Kontext. Während manch einer schon von gezielten Plänen der Stasi schwafelt (ohne, dass sich hierfür ein Hinweis finden lässt), ist der Grundtenor der Aussagen klar. Die (west-)deutsche Polizei trifft keine Schuld, die Studentenunruhen hätten sich nicht gegen die BRD richten dürfen, Systemgegner waren im Unrecht. Man übersieht hierbei mal eben, dass dem Mord an Benno Ohnesorg etliche Vergehen vorrausgingen, die die Wut der Studenten überhaupt erst anstachelte. Dass überzogene Polizeiattacken, frei herumprügelnde Perser und eine Vergangenheitsbewältigung, die man ohne Zögern als Vergessen bezeichnen kann vorrausgingen und der Mord letzlich nur der Funkenwar, der die ohnehin brodelnde Suppe zum Überkochen brachte, scheint auf einmal sogar eine gewisse, sich selbst links nennende Partei nicht zu interessieren.

Gewissenhaft missachtet wird auch der sogenannte „Prozess“ gegen Kurras. Bewusst gestreute falsche Gerüchte, nicht zugelassene Beweise, widersprüchliche Aussagen, polizeiliche Hilfe beim Verschwinden der Tatwaffe; all das wird erneut unter den Teppich gekehrt, um in den Fokus zu rücken, dass der westdeutsche Polizist eigentlich kein westdeutscher Polizist war, auch wenn er wie ein westdeutscher Polizist behandelt und wie ein westdeutscher Polizist durch seine Kollegen und die Justiz gedeckt wurde. Die BRD als Polizeistaat? Aber auf gar keinen Fall. Will man uns zumindest glauben machen. Die Realität zeigt allerdings ein ganz anderes Gesicht.

Parallel ein zweites Phänomen: Während die Weste der alten BRD nachträglich reingewaschen wird, kommen wieder die Überwachungsmethoden der DDR zum Vorschein. Keineswegs wollen wir diese schön reden, aber der Missbrauch des Schreckens der Stasiüberwachung zur Ablenkung der eigenen überwachungsstaatlichen Methoden ist für uns genauso abzulehnen. Die Medien malen mit den schönsten Farben ein Bild der ostdeutschen Totalüberwachung, während gleichzeitig die aktuellen Überwachungsmethoden in der BRD systematisch klein geredet werden. Internetzensur, Rasterfahndung, Telefon- und Computerüberwachung und der biometrische Pass sind nur Auszüge aus den Überwachungsmethoden und -plänen der Bundesrepublik Deutschland.

Wozu also OSTalgisch vom bösen Überwachungsstaat träumen, wenn wir unseren eigenen doch gerade selbst aufbauen?

Polizeiwillkür bekämpfen!
Überwachung nicht dulden!
Freiheit und Privatsphäre schützen!

Die Geschichte um Kurras gibts es hier nachzulesen. Taz Zeit Spiegel

Nachtrag: Und da Satire bekanntlich alles darf, hier auch noch die Titanic:
Hitlers SED-Ausweis aufgetaucht!

Nachtrag 2: Das BildBlog widmet sich der Berichterstattung in der Bild damals und heute und zeigt, wie aus einem „Verteidiger des westdeutschen Rechtsstaats“ jetzt ein Mörder auf Stasibefehl werden soll. Springer schoss mit!

Antira-Aktionswoche Rendsburg startet heute!

In knapp 1,5 Stunden startet offiziell die von uns mitorganisierte Antirassistische Projektwoche Rendsburg. Auf das folgende Programm könnt ihr euch heute ab 19 Uhr in der VHS Rendsburg freuen:

Die Situation im Abschiebeknast Rendsburg
ReferentInnen: Danny Jozez (ehemaliger Insasse)
VertreterInnen der Besuchergruppe der Christkirchengemeinde
Gregor Ferczynski (hauptamtl. Verfahrensberater)
Achim Weinrich (ehrenamtl. Verfahrensberater)
In Kooperation mit der Rosa Luxemburg-Stiftung Schleswig Holstein.

Die Termine für die nächsten Tage könnt ihr der offiziellen Homepage der Woche entnehmen.

http://antira-aktionswoche.org/

Wir hoffen auf regen Andrang und hohe Beteiligung auch an der Demonstration am Samstag.

Massengrab Neuengamme – Bericht einer Exkursion oder kein Vergessen in Hamburg?

Aus Anlass einer Schulexkursion beschäftigen wir uns mit der Rolle des KZs Hamburg-Neuengamme und mit der Frage, ob die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen abgetan oder sich ihr gestellt wird. Nach der Lektüre empfehlen wir den Besuch der Gedenkstätte und eine Führung durch selbige, da unser Text leider nur einen Eindruck der unglaublichen Grausamkeiten in der Kriegs- und der Ungereimtheiten in der Nachkriegshistorie geben kann.

„Es kam mir vor, als wären wir auf einem anderen Planeten gelandet. Es herrschte offener Terror. Mein Freund, der mit mir zusammen verhaftet worden war – ich war siebzehn, er war zwanzig –, sagte bei seiner Ankunft: ‚Das werde ich nicht mehr als drei Monate aushalten.‘ Er war tatsächlich drei Monate später tot.“ (Georges Jidkoff, Häftling in Neuengamme von Mai 44 bis April 45)

Dieses Zitat empfängt den Besucher in der Gedenkstätte. Fast schon einschüchternd thront es vor einem Stacheldraht bewehrten Holztor, dem ehemaligen Eingangstor des KZs Neuengamme, wie eine Informationstafel dem aufmerksamen Betrachter verrät.
Eine Schulexkursion zur Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände in Hamburg ist der Anlass für diesen Bericht. Vom Hauptbahnhof aus trennen uns etwa 30 Minuten Weg per S-Bahn und Bus von unserem Ziel. Durch beschauliche Wohngegenden und fast schon ländliche anmutende Felder und Wiesen nähern wir uns dem Ort, an dem zwischen 1938 und 1945 von etwa 100.000 Inhaftierten 50.000 ihr Leben verloren.

Die Geschichte des Lagers
Anders als die Vernichtungslager wie Treblinka, Warschau oder Auschwitz diente das KZ Neuengamme nicht nur dem Ziel der blossen Vernichtung. Als sog. Arbeitslager angelegt trieben SS-Wärter nach dem Leitfaden „Vernichtung durch Arbeit“ tausende Menschen durch unvorstellbare Qualen in den Tod.
Das „Projekt“ Neuengamme basierte auf einem aberwitzigen Plan des nationalsozialistischen Regimes: Hamburg sollte eine der fünf geplanten Führerstädte werden. Hierzu wurden größenwahnsinnig-lächerliche Pläne zum Umbau der Hafenanlagen verfolgt. Frei nach dem Motto „Hamburg als Tor zur Welt“ (Nicht umsonst gilt in Hamburg dieser Slogan noch heute, aber dazu später) plante man, Hamburg zu einer repräsentativen Metropole des neuen deutschen Weltreichs aufzumotzen.
Die hierfür benötigten Arbeitsmaterialen und die „menschlichen Ressourcen“ sollten möglichst einfach beschafft werden. Ursprünglich als Aussenlager des KZ Sachsenhausen gründeten die Nazis 38 das Lager Neuengamme. Erst im Jahr 1940 wurde das Lager zum eigenständigen KZ.
Schwerpunkt der Arbeit war das Herstellen der typisch norddeutschen roten Steine für den Ausbau des Hafens. In Tongruben wurden bis zu 1500 Insassen gleichzeitig, unabhängig von Witterungsbedingungen und Zustand der Inhaftierten, zur Zwangsarbeit genötigt und in selbiger grausam getötet. Die Gruben galten intern als Todeskommandos; aus Verhören ehemaliger SS-Aufseher weiß man, dass sie Prognose für die Arbeitenden von drei Monaten im Sommer bis zu nur sechs Wochen im Winter lag.
Auch wenn die Herstellung der Baumaterialien der Hauptschwerpunkt der Lagerzwangsarbeit war, gab es weitere Arbeitszweige innerhalb des KZs.

Exkurs: Carl Walther Sportwaffen
Beispielhaft sei hier die Waffenfertigung zu nennen. Die Firma ‚Carl Walther Sportwaffen GmbH‘ produzierte in einem eigenen Gebäude auf dem Lagergelände Waffen und Munition für die Wehrmacht. Auch heute noch brüstet sich die Firma auf der eigenen Homepage „mit mehr als 2.500 Beschäftigten in den Jahren 1943 bis 1945“ auf dem „Zenit des Erfolges“ gestanden zu haben. [1] Dass der Großteil dieser Beschäftigten Zwangsarbeiter in KZs wie eben Neuengamme waren, übersieht man bewusst und sorgfältig. Von einer Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und der Verantwortung für die eigenen Verbrechen, kann hier keine Rede sein.

Das Lagergelände
Einen vollständigen Überblick des Lagers zu ermöglichen ist mir nicht möglich. Facettenartig will ich aber versuchen, dem Leser einen Eindruck der Geländes zu verschaffen und beispielhaft einige der Lagergebäude erklären.
Aus dem Bus gestiegen nährere ich mich einer metallenen Brücke. Sie stellt den Eingang in das Lager dar. Ein Informationsschild mahnt: „Der Lagereingang war für tausende Menschen der Anfang vom Ende.“
Das Lager selbst ist weiträumig. Es besteht aus mehreren immer noch vorhandenen Gebäuden und etlichen durch aufgehäufte Steinfragmente dargestellten Fundamenten ehemaliger Lagerbauten. Die ehemaligen Zäune des Lagers werden durch Metallstangen am Lagerrand symbolisiert.
Durch das Lagertor geschritten berührt mein Fuß den Boden des Appellplatzes; wieder eine Tafel. Sie verrät, dass die Insassen des KZs an diesem Ort morgens und abends zum Appell und zur Zählung antreten mussten. Durchschnittlich dauerte diese vollkommen überflüssig und sinnfreie Tortur 1-2 Stunden, fehlte jedoch bei der abendlichen Zählung ein Gefangener – und wer bei der Arbeit getötet wurde, musste trotzdem auf dem Platz anwesend sein – wurde die Qual für die Insassen verlängert, bis die Insassenzahl geklärt war. Der längste dokumentierte Appell dauerte sieben Stunden.
Ich wende mich nach rechts. Fundamente deuten die Umrisse der drei ehemaligen „Krankengebäude“ an. Diese Bezeichnung ist allerdings irreführend. Tatäschlich gab es nur ein wirkliches Gebäude zur Versorgung von verletzen Insassen, deren medizinischen Möglichkeiten allerdings mehr als gering waren. Versorgt wurden diejenigen, bei denen der Nutzen durch Arbeit größer eingeschätzt wurde als der Aufwand der Pflege, während die restlichen Kranken und Verletzten durch Giftspritzen ermordet wurden. Ein weiteres der drei Bauten ist die Leichenhalle. Hier wurden die Getöteten gelagert und ihrer Kleidung, Haare, Goldzähne und teilweise auch ihrer Haut beraubt, bevor sie in die Krematorien zur Verbrennung transportiert wurden. Selbst die Asche der Toten verwerteten die SS-Leute in ihrer krankhaften Genauigkeit: In der Nähe des Lagers liegt die ehemalige SS-Gärtnerei. Hier wurde aus der Asche Düngemittel. Das Letzte der Gebäude ist die Krankenversuchsanstalt. Der SS-Arzt Kurt Heißmeyer führte hier grausame und menschenverachtende Experimente an zwanzig jüdischen Mädchen und Jungen durch, die er, bevor das Lager 45 geräumt wurde, ermorden ließ.
Während auf der linken Seite die Fundamente der ehemaligen Baracken sowie die Tongruben und Arbeitsanlagen liegen, findet sich auf der rechten Seite eine weitere Scheußlichkeit. Ein kleines abgetrenntes Haus ist als „Lagerbordell“ gekennzeichnet. Unter falschen Versprechungen und teils erzwungen wurden hier Frauen aus anderen Lagern zu Zwangsprostituierten gemacht, die als Belohnung und Anreiz für andere Insassen dienen sollten. Die Rolle der Frauen ist umstritten, da die Erforschung dieser Lagerbordelle lange Zeit als Tabu galt. Das Opfer-Täter-Prinzip wird innerhalb des Lagers komplex und undurchsichtig: Teile der Häftlinge stellten sich gegen diese Bordelle und wehrten sich gegen den Plan der Nazis, dass die Häftlinge andere Insassen körperlich und seelisch maltretieren und missbrauchen sollten, während andere versuchten, aus ihrer Situation ein Quäntchen Hoffnung zu schöpfen. (Spiegel Online berichtet über die KZ-Bordelle. Zu lesen hier )
Besonders Makaber ist ein Baum vor diesem Bordell. Die sogenannte Oase war eine Gartenanlage der SS. Eine Trauerweide steht hier schon fast ironisch als Prunkobjekt für Besucher des KZs.

Die Insassen
Die Insassen waren vielfältig. Neben deutschen und europäischen Juden wurden vor allem Osteuropäer und Oppositionelle aus den Beneluxstaaten ins KZ Neuengamme gebracht. Es fanden sich aber auch Homosexuelle, Zeugen Jehovas und sogar deutsche Kriegsinvalide, deren Unterbringung und Propagandawirkung nach Ansicht des Nazi-Regimes kontraproduktiv für die eigenen wahnwitzigen Pläne gewesen wären. Im Jahr 1941 wurden über 1000 sowjetische Kriegsgefangene nach Neuengamme eingeliefert; von ihnen überstanden nur 348 ein Jahr im KZ, bevor sie weiter nach Sachsenhausen deportiert wurden. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss.
Je nach Herkunft und Grund der Inhaftierung trugen die Gefangenen gefärbte Dreiecke auf der Lagerkleidung. Dies hatte mehrere Gründe:
Die SS-Mannschaften organisierten das KZ nach dem Prinzip „Teile und herrsche“. Man achtete pingelig darauf, jegliche Solidarität innerhalb der Inhaftierten zu zerschlagen. Hierzu diente die Mischung der Herkunftsländer in den Baracken. Mangels einer einheitlichen Sprache kam es seltener zur Freundschaften zwischen den Gefangenen. Manche der Insassen wurden auch durch den Grund ihrer Inhaftierung von den anderen KZ-Häftlingen ausgegrenzt. Vor allem Homosexuelle hatten unter homophoben verbalen und körperlichen Attacken ihrer Mithäftlinge zu leiden.
Abseits dieses Prinzips gab es eine Art Hierarchie der Inhaftierten. Während Oppositionelle z. B. relativ gut (von wirklich guten Umständen kann natürlich keine Rede sein) behandelt wurden, überlebte in Jude nur selten mehr als einige Monate. Die Verteilung von Privilegien sowie die Organisation der Arbeitsdienste erfolgte streng nach diesem hierarchischen System.
Die Lebensbedingungen der Inhaftierten waren selbstverständlich in jedem Fall grausam und unmenschlich. Neben den erwähnten Appellen und den extrem langen Arbeitseinsätzen war vor allem der hygienische Zustand der Lager äußerst schlecht. Anfangs gab es weder Duschen noch Wechselkleidung; erst nach einer Flecktyphusepidemie im Jahr 1942 wurden sporadische Hygienetage eingeführt. Alle 6 Wochen durften die Inhaftierten kurz duschen und ihre Kleider wechseln.
Aber auch nachts konnten die Häftlinge der Tortur nicht entkommen. Bis zu drei Menschen lagen in 80 cm breiten Betten, deren Matratzen mit Stroh gefüllt waren, dass niemals gewechselt wurde. Dementsprechend waren die Betten von Läusen, Flöhen und anderem Ungeziefer übersäht.

Kein Vergessen?
Die Rolle der Stadt Hamburg wurde ja schon zu Beginn des Textes deutlich. Ohne die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der SS wäre die Einrichtung und Durchführung des KZs mit seinen über 40 Aussenlagern allein in Hamburg undenkbar gewesen. Trotzdem versuchte sich die Stadt bis über die Jahrtausendwende hinaus vor ihrer Verantwortung zu verstecken.
Nachdem das KZ nach 45 noch drei Jahre Lang von den Briten als Inhaftierungslager für hochrangige SS-, Wehrmachts- und NSDAP-Funktionäre diente, wurde es ab 1948 von der Stadt Hamburg systematisch in ein Gefängnis umgewandelt. Gegen vehemente Proteste v.a. Überlebender des KZs setzte der Senat der Stadt den Um- und Ausbau durch. Man wolle die grausame Geschichte vergessen, hieß es damals aus Kreisen der Hamburger Regierung.
Die Steine für die neu gebauten Gefängnisgebäude kamen aus ehemaligen Krematorien deutscher Konzentrationslager.
Bis ins Jahr 2002 war die Stadt deutlich bemüht, sich vor der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und vor ihrer Verantwortung vor der Geschichte zu drücken. Erst nach etlichen Bürgerinitiativen wurde 2002 der Gefängnisbetrieb eingestellt und das ehemalige Lagergelände bis 2003 zur Gedenkstätteumfunktioniert. Der zweite Gefängnisabschnitt, der auch Teile des Lagers beanspruchte, wurde sogar erst 2007 endgültig geschlossen.
In der Ausstellung im Lager befindet sich ein Besucherbuch aus den letzten Jahren der Gedenkstätte. Neben vielen verständnissvollen und betroffenen Beiträgen finden sich auch einige neonazistische Parolen und Provokationen. Mein eigener Deutsch-Leistungskurs schoss das Gruppenfoto für die Abizeitung der Schule auf dem KZ-Gelände. Ausser mir weigerten sich nur 2 weitere von knapp 30 Schülern, bei dieser menschenverachtenden Prozedur teilzunehmen. Frei nach dem Motto „Alle mal hübsch Lächeln im KZ“.
Die Nachkriegsgeschichte des KZs Neuengamme zeigt, dass die Verantwortung und das Verständnis unserer Historie in den Köpfen vieler Menschen immer noch abgestritten und verdrängt wird. Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, um einer Wiederholung der Geschichte vorzubeugen.

Kein Vergeben, kein Vergessen!
Nationalsozialismus in allen Formen bekämpfen!

[1] http://www.carl-walther.de/index.php?company=walther&lang=DE&content=unternehmen&sub=historie

Inhaltliche Ergänzung, 25.5.:
Auf der Seite der Gruppe „sous la plage“ aus Hamburg findet sich ein Text, der sich mit der neuen Leitung des KZ Neuengamme, nämlich einem Absolventen der Bundeswehruniversität beschäftigt.

Gerade aus diesem Grund halten wir die derzeitigen Entwicklungen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme für äußerst problematisch. Nicht nur, dass eine gemeinsame Konferenz der Gedenkstätte und der Bundeswehruniversität veranstaltet wurde, nicht nur, dass regelmäßig der unerträgliche Anblick uniformierter deutscher Soldatinnen und Soldaten, die an Führungen teilnehmen, in der Gedenkstätte zu sehen ist, nun sollte nach dem Willen der Gedenkstättenleitung ein Soldat als Pädagoge in der Gedenkstätte eingesetzt werden und auch Führungen beispielsweise von Schulklassen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers übernehmen.

Weiter bei sous la plage…