Redebeitrag: Geschichte und gesellschaftliche Entwicklung von Rassismus

Redebeitrag, gehalten auf der Abschlussdemo der Antirawoche in Rendsburg:

Geschichte und gesellschaftliche Entwicklung von Rassismus

Rassismus bezeichnet für uns die Ausgrenzung von Menschen, auf Basis ihrer Herkunft oder konstruierten biologischen oder kulturellen Gruppeneigenschaften. Diese Eigenschaften werden als starr oder nur schwer veränderbar wahrgenommen. Durch soziale Faktoren wie Armut kann diese Ausgrenzung verstärkt werden. Rassismus kann also verschiedene Begründungen und Ausformungen haben.

Das Wort „Rasse“ stammt aus dem Spanischen und bezeichnete dort ursprünglich unterschiedliche soziale Gruppen. In der Bedeutung „edlem Blut“ beziehungsweise „edler Herkunft“ trennte er verschiedene Stände in der Feudalgesellschaft. Im Rahmen der Rekonquista, der (Rück-)Eroberung der iberischen Halbinsel von muslimischer Herrschaft durch Spanien und dem spanischen Kolonialismus in Südamerika wurde der Begriff benutzt, um die Ausbeutung und Vertreibung von Menschen anderer Herkunft oder Religion zu rechtfertigen. Schon an der Herkunft des Begriffes wird sein Zweck deutlich, nämlich sozialer Ausgrenzung einen naturgegeben Anspruch zu verleihen.

Die Aufklärung versuchte dem Rassismus ein wissenschaftliches Fundament zu verleihen. Während vorher aufgrund der allgemein akzeptieren Gleichsetzung von Religion und Wissenschaft Rassismus vornehmlich als gottgegebene und damit natürliche Trennung angesehen war, führten pseudo-anthropologische Untersuchungen zu einer angeblich weltlichen Begründung für die Ausgrenzung. Beispielhaft hierfür kann Kants Werk „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrace“ angesehen werden, in der er die Menschheit in 4 Gruppen einteilte und diesen auch eine Wertigkeit zuschrieb, in der Europäern die größten geistigen Fähigkeiten angedichtet wurden. Auch andere Aufklärer_Innen vertraten merkwürdige Rassetheorien und keiner von ihnen wandte sich zum Beispiel gegen den „Code Noir“, das Gesetz, welches die unmenschliche Behandlung der Sklav_Innen in den französischen Kolonien regelte. Gerade das Beispiel der Sklav_Innenhaltung widerlegt die liberale Auffassung, dass die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz automatisch garantiere. Dass in Amerika Sklaverei im großen Stil stattfand war ein Produkt der industriellen Baumwollverarbeitung und wurde rassistisch begründet. Der Rassismus in der Gesellschaft wurde aber auch durch das Ende der Sklaverei nicht beendet, bis in die 1960er Jahre herrschte eine sogenannte Rassentrennung und auch ein Schwarzer Präsident beendet den gesellschaftlichen Rassismus noch nicht. Hier zeigt sich, dass Rassismus losgelöst von einer konkreten ökonomischen Bedingung auch als Tradition in die Mehrheitsgesellschaft eingehen kann und sich so verselbstständigt.

Nachdem der Rassismus in Deutschland im 3. Reich mit der industriellen Vernichtung von Menschen seinen traurigen Höhepunkt erreichte, kamen erst in den 1960er-Jahren viele Migrant_Innen nach Deutschland, als aufgrund des Arbeitskräftemangels sogenannte Gastarbeiter_Innen angeworben wurden. Oft, um zu niedrigen Löhnen die Jobs zu machen, für die sich viele Deutsche zu fein waren. Die populäre Behauptung, „die Ausländer“ nähmen Arbeitsplätze weg, ist also mit der kapitalistischen Krisenerscheinung des Arbeitsplätzemangels verbunden.
Dass der Rassismus, wie oben erwähnt, Teil der gesellschaftlichen Tradition geworden ist, zeigt sich unter anderem, wenn Unternehmer_Innen Migrant_Innen trotz besserer Qualifikation nicht einstellen. Eine ökonomisch total irrationale Entscheidung, an der sich aber auch aufzeigen lässt, dass Rassismus zwar in seiner Entwicklung durch den Kapitalismus begünstigt wurde, in seinem Fortbestand aber nicht an das Fortbestehen des Kapitalismus gebunden ist.

Dennoch erfüllt Rassismus auch heute noch eine wichtige ökonomische Funktion. In der EU bauen ganze Wirtschaftszweige darauf auf, illegalisierte Migrant_Innen unter schlechten Bedingungen auszubeuten. Dadurch, dass sie vom Staat als illegal betrachtet werden, haben sie kaum eine Möglichkeit, soziale Rechte einzufordern. Ein gutes Beispiel dafür, wie es doch geht soziale Rechte einzufordern, sind die Streiks von Illegalisierten in Frankreich und Spanien, die verdeutlichten, dass die Arbeitskraft dieser Menschen unbedingt gebraucht wird.
Wir können also festhalten, dass Migrant_Innen häufig in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten.

Die Ausbeutung vor allem der ehemaligen europäischen Kolonien findet aber auch im globalen Maßstab statt. Wer als Flüchtling hierherkommt, wurde häufig von den Lebensbedingungen im Herkunftsland zur Flucht gezwungen. Der Reichtum in Europa basiert also, so paradox das klingen mag, einerseits auf der Abschottung von diesen Menschen und dem Ausbau der Festung Europa, aber andererseits darauf, die Menschen, die es trotzdem hierher geschafft haben unter Zuhilfenahme der rassistischen Gesetzgebung auszubeuten.

Damit weniger Menschen fliehen müssen, ist es wichtig, dort anzusetzen, von wo die Menschen fliehen. Dort müssen Strukturen geschaffen werden, die es den Menschen dort ermöglichen, ein gutes Leben in materieller und persönlicher Sicherheit zu führen. Ein gutes Beispiel auf regionaler Ebene sind die Zapatist_Innen in Chiapas/Mexiko, die sich basisdemokratisch organisieren und für ihre Würde kämpfen. Es ist wichtig, eine Vernetzung zwischen fortschrittlichen Menschen weltweit zu erreichen, damit wir unsere Kämpfe gemeinsam führen können.
Aber nicht überall auf der Welt gibt es fortschrittliche Bewegungen, die erfolgversprechend sind. Häufig werden Leute in ihrern Herkunftsländern verfolgt, eben weil sie sich dort für ein besseres Leben einsetzen. Damit Flüchtlinge im Zielland nicht unter miserablen Bedingungen leben müssen, muss ein Bleiberecht für alle Flüchtlinge her. Nur mit einem gesicherten Aufenthaltsstatus ist es möglich, sich gefahrlos für bessere Lebensbedingungen einzusetzen. Wir fordern ein Bleiberecht für alle – jetzt sofort!
Rassistische Vorurteile in den Köpfen der Menschen zu bekämpfen, kann hingegen ein langer Prozess sein. Jahrhundertelang gepflegte Vorurteile verschwinden nicht einfach so, ihnen kann nur durch Aufklärung entgegengetreten werden. Mischt euch ein, wenn Menschen sich rassistisch äußern und macht ihnen klar, dass sie gefährlichen Unsinn reden, schreibt mit eurer Band ein Lied gegen Rassismus, organisiert Veranstaltungen zu rassistischen Vorurteilen, macht eine Antirassismus AG an der Schule auf, unterstützt Kolleg_Innen, die Opfer rassistischer Anfeindungen werden und weist Rassist_Innen notfalls auch handfest in die Schranken!

Soziale Rechte für alle!
Rassismus bekämpfen, auch im Alltag!
Für globale Bewegungsfreiheit!

Antifa Rendsburg [AARD], Mai 2009