Massengrab Neuengamme – Bericht einer Exkursion oder kein Vergessen in Hamburg?

Aus Anlass einer Schulexkursion beschäftigen wir uns mit der Rolle des KZs Hamburg-Neuengamme und mit der Frage, ob die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen abgetan oder sich ihr gestellt wird. Nach der Lektüre empfehlen wir den Besuch der Gedenkstätte und eine Führung durch selbige, da unser Text leider nur einen Eindruck der unglaublichen Grausamkeiten in der Kriegs- und der Ungereimtheiten in der Nachkriegshistorie geben kann.

„Es kam mir vor, als wären wir auf einem anderen Planeten gelandet. Es herrschte offener Terror. Mein Freund, der mit mir zusammen verhaftet worden war – ich war siebzehn, er war zwanzig –, sagte bei seiner Ankunft: ‚Das werde ich nicht mehr als drei Monate aushalten.‘ Er war tatsächlich drei Monate später tot.“ (Georges Jidkoff, Häftling in Neuengamme von Mai 44 bis April 45)

Dieses Zitat empfängt den Besucher in der Gedenkstätte. Fast schon einschüchternd thront es vor einem Stacheldraht bewehrten Holztor, dem ehemaligen Eingangstor des KZs Neuengamme, wie eine Informationstafel dem aufmerksamen Betrachter verrät.
Eine Schulexkursion zur Gedenkstätte auf dem ehemaligen Lagergelände in Hamburg ist der Anlass für diesen Bericht. Vom Hauptbahnhof aus trennen uns etwa 30 Minuten Weg per S-Bahn und Bus von unserem Ziel. Durch beschauliche Wohngegenden und fast schon ländliche anmutende Felder und Wiesen nähern wir uns dem Ort, an dem zwischen 1938 und 1945 von etwa 100.000 Inhaftierten 50.000 ihr Leben verloren.

Die Geschichte des Lagers
Anders als die Vernichtungslager wie Treblinka, Warschau oder Auschwitz diente das KZ Neuengamme nicht nur dem Ziel der blossen Vernichtung. Als sog. Arbeitslager angelegt trieben SS-Wärter nach dem Leitfaden „Vernichtung durch Arbeit“ tausende Menschen durch unvorstellbare Qualen in den Tod.
Das „Projekt“ Neuengamme basierte auf einem aberwitzigen Plan des nationalsozialistischen Regimes: Hamburg sollte eine der fünf geplanten Führerstädte werden. Hierzu wurden größenwahnsinnig-lächerliche Pläne zum Umbau der Hafenanlagen verfolgt. Frei nach dem Motto „Hamburg als Tor zur Welt“ (Nicht umsonst gilt in Hamburg dieser Slogan noch heute, aber dazu später) plante man, Hamburg zu einer repräsentativen Metropole des neuen deutschen Weltreichs aufzumotzen.
Die hierfür benötigten Arbeitsmaterialen und die „menschlichen Ressourcen“ sollten möglichst einfach beschafft werden. Ursprünglich als Aussenlager des KZ Sachsenhausen gründeten die Nazis 38 das Lager Neuengamme. Erst im Jahr 1940 wurde das Lager zum eigenständigen KZ.
Schwerpunkt der Arbeit war das Herstellen der typisch norddeutschen roten Steine für den Ausbau des Hafens. In Tongruben wurden bis zu 1500 Insassen gleichzeitig, unabhängig von Witterungsbedingungen und Zustand der Inhaftierten, zur Zwangsarbeit genötigt und in selbiger grausam getötet. Die Gruben galten intern als Todeskommandos; aus Verhören ehemaliger SS-Aufseher weiß man, dass sie Prognose für die Arbeitenden von drei Monaten im Sommer bis zu nur sechs Wochen im Winter lag.
Auch wenn die Herstellung der Baumaterialien der Hauptschwerpunkt der Lagerzwangsarbeit war, gab es weitere Arbeitszweige innerhalb des KZs.

Exkurs: Carl Walther Sportwaffen
Beispielhaft sei hier die Waffenfertigung zu nennen. Die Firma ‚Carl Walther Sportwaffen GmbH‘ produzierte in einem eigenen Gebäude auf dem Lagergelände Waffen und Munition für die Wehrmacht. Auch heute noch brüstet sich die Firma auf der eigenen Homepage „mit mehr als 2.500 Beschäftigten in den Jahren 1943 bis 1945“ auf dem „Zenit des Erfolges“ gestanden zu haben. [1] Dass der Großteil dieser Beschäftigten Zwangsarbeiter in KZs wie eben Neuengamme waren, übersieht man bewusst und sorgfältig. Von einer Beschäftigung mit der eigenen Geschichte und der Verantwortung für die eigenen Verbrechen, kann hier keine Rede sein.

Das Lagergelände
Einen vollständigen Überblick des Lagers zu ermöglichen ist mir nicht möglich. Facettenartig will ich aber versuchen, dem Leser einen Eindruck der Geländes zu verschaffen und beispielhaft einige der Lagergebäude erklären.
Aus dem Bus gestiegen nährere ich mich einer metallenen Brücke. Sie stellt den Eingang in das Lager dar. Ein Informationsschild mahnt: „Der Lagereingang war für tausende Menschen der Anfang vom Ende.“
Das Lager selbst ist weiträumig. Es besteht aus mehreren immer noch vorhandenen Gebäuden und etlichen durch aufgehäufte Steinfragmente dargestellten Fundamenten ehemaliger Lagerbauten. Die ehemaligen Zäune des Lagers werden durch Metallstangen am Lagerrand symbolisiert.
Durch das Lagertor geschritten berührt mein Fuß den Boden des Appellplatzes; wieder eine Tafel. Sie verrät, dass die Insassen des KZs an diesem Ort morgens und abends zum Appell und zur Zählung antreten mussten. Durchschnittlich dauerte diese vollkommen überflüssig und sinnfreie Tortur 1-2 Stunden, fehlte jedoch bei der abendlichen Zählung ein Gefangener – und wer bei der Arbeit getötet wurde, musste trotzdem auf dem Platz anwesend sein – wurde die Qual für die Insassen verlängert, bis die Insassenzahl geklärt war. Der längste dokumentierte Appell dauerte sieben Stunden.
Ich wende mich nach rechts. Fundamente deuten die Umrisse der drei ehemaligen „Krankengebäude“ an. Diese Bezeichnung ist allerdings irreführend. Tatäschlich gab es nur ein wirkliches Gebäude zur Versorgung von verletzen Insassen, deren medizinischen Möglichkeiten allerdings mehr als gering waren. Versorgt wurden diejenigen, bei denen der Nutzen durch Arbeit größer eingeschätzt wurde als der Aufwand der Pflege, während die restlichen Kranken und Verletzten durch Giftspritzen ermordet wurden. Ein weiteres der drei Bauten ist die Leichenhalle. Hier wurden die Getöteten gelagert und ihrer Kleidung, Haare, Goldzähne und teilweise auch ihrer Haut beraubt, bevor sie in die Krematorien zur Verbrennung transportiert wurden. Selbst die Asche der Toten verwerteten die SS-Leute in ihrer krankhaften Genauigkeit: In der Nähe des Lagers liegt die ehemalige SS-Gärtnerei. Hier wurde aus der Asche Düngemittel. Das Letzte der Gebäude ist die Krankenversuchsanstalt. Der SS-Arzt Kurt Heißmeyer führte hier grausame und menschenverachtende Experimente an zwanzig jüdischen Mädchen und Jungen durch, die er, bevor das Lager 45 geräumt wurde, ermorden ließ.
Während auf der linken Seite die Fundamente der ehemaligen Baracken sowie die Tongruben und Arbeitsanlagen liegen, findet sich auf der rechten Seite eine weitere Scheußlichkeit. Ein kleines abgetrenntes Haus ist als „Lagerbordell“ gekennzeichnet. Unter falschen Versprechungen und teils erzwungen wurden hier Frauen aus anderen Lagern zu Zwangsprostituierten gemacht, die als Belohnung und Anreiz für andere Insassen dienen sollten. Die Rolle der Frauen ist umstritten, da die Erforschung dieser Lagerbordelle lange Zeit als Tabu galt. Das Opfer-Täter-Prinzip wird innerhalb des Lagers komplex und undurchsichtig: Teile der Häftlinge stellten sich gegen diese Bordelle und wehrten sich gegen den Plan der Nazis, dass die Häftlinge andere Insassen körperlich und seelisch maltretieren und missbrauchen sollten, während andere versuchten, aus ihrer Situation ein Quäntchen Hoffnung zu schöpfen. (Spiegel Online berichtet über die KZ-Bordelle. Zu lesen hier )
Besonders Makaber ist ein Baum vor diesem Bordell. Die sogenannte Oase war eine Gartenanlage der SS. Eine Trauerweide steht hier schon fast ironisch als Prunkobjekt für Besucher des KZs.

Die Insassen
Die Insassen waren vielfältig. Neben deutschen und europäischen Juden wurden vor allem Osteuropäer und Oppositionelle aus den Beneluxstaaten ins KZ Neuengamme gebracht. Es fanden sich aber auch Homosexuelle, Zeugen Jehovas und sogar deutsche Kriegsinvalide, deren Unterbringung und Propagandawirkung nach Ansicht des Nazi-Regimes kontraproduktiv für die eigenen wahnwitzigen Pläne gewesen wären. Im Jahr 1941 wurden über 1000 sowjetische Kriegsgefangene nach Neuengamme eingeliefert; von ihnen überstanden nur 348 ein Jahr im KZ, bevor sie weiter nach Sachsenhausen deportiert wurden. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss.
Je nach Herkunft und Grund der Inhaftierung trugen die Gefangenen gefärbte Dreiecke auf der Lagerkleidung. Dies hatte mehrere Gründe:
Die SS-Mannschaften organisierten das KZ nach dem Prinzip „Teile und herrsche“. Man achtete pingelig darauf, jegliche Solidarität innerhalb der Inhaftierten zu zerschlagen. Hierzu diente die Mischung der Herkunftsländer in den Baracken. Mangels einer einheitlichen Sprache kam es seltener zur Freundschaften zwischen den Gefangenen. Manche der Insassen wurden auch durch den Grund ihrer Inhaftierung von den anderen KZ-Häftlingen ausgegrenzt. Vor allem Homosexuelle hatten unter homophoben verbalen und körperlichen Attacken ihrer Mithäftlinge zu leiden.
Abseits dieses Prinzips gab es eine Art Hierarchie der Inhaftierten. Während Oppositionelle z. B. relativ gut (von wirklich guten Umständen kann natürlich keine Rede sein) behandelt wurden, überlebte in Jude nur selten mehr als einige Monate. Die Verteilung von Privilegien sowie die Organisation der Arbeitsdienste erfolgte streng nach diesem hierarchischen System.
Die Lebensbedingungen der Inhaftierten waren selbstverständlich in jedem Fall grausam und unmenschlich. Neben den erwähnten Appellen und den extrem langen Arbeitseinsätzen war vor allem der hygienische Zustand der Lager äußerst schlecht. Anfangs gab es weder Duschen noch Wechselkleidung; erst nach einer Flecktyphusepidemie im Jahr 1942 wurden sporadische Hygienetage eingeführt. Alle 6 Wochen durften die Inhaftierten kurz duschen und ihre Kleider wechseln.
Aber auch nachts konnten die Häftlinge der Tortur nicht entkommen. Bis zu drei Menschen lagen in 80 cm breiten Betten, deren Matratzen mit Stroh gefüllt waren, dass niemals gewechselt wurde. Dementsprechend waren die Betten von Läusen, Flöhen und anderem Ungeziefer übersäht.

Kein Vergessen?
Die Rolle der Stadt Hamburg wurde ja schon zu Beginn des Textes deutlich. Ohne die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und der SS wäre die Einrichtung und Durchführung des KZs mit seinen über 40 Aussenlagern allein in Hamburg undenkbar gewesen. Trotzdem versuchte sich die Stadt bis über die Jahrtausendwende hinaus vor ihrer Verantwortung zu verstecken.
Nachdem das KZ nach 45 noch drei Jahre Lang von den Briten als Inhaftierungslager für hochrangige SS-, Wehrmachts- und NSDAP-Funktionäre diente, wurde es ab 1948 von der Stadt Hamburg systematisch in ein Gefängnis umgewandelt. Gegen vehemente Proteste v.a. Überlebender des KZs setzte der Senat der Stadt den Um- und Ausbau durch. Man wolle die grausame Geschichte vergessen, hieß es damals aus Kreisen der Hamburger Regierung.
Die Steine für die neu gebauten Gefängnisgebäude kamen aus ehemaligen Krematorien deutscher Konzentrationslager.
Bis ins Jahr 2002 war die Stadt deutlich bemüht, sich vor der Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit und vor ihrer Verantwortung vor der Geschichte zu drücken. Erst nach etlichen Bürgerinitiativen wurde 2002 der Gefängnisbetrieb eingestellt und das ehemalige Lagergelände bis 2003 zur Gedenkstätteumfunktioniert. Der zweite Gefängnisabschnitt, der auch Teile des Lagers beanspruchte, wurde sogar erst 2007 endgültig geschlossen.
In der Ausstellung im Lager befindet sich ein Besucherbuch aus den letzten Jahren der Gedenkstätte. Neben vielen verständnissvollen und betroffenen Beiträgen finden sich auch einige neonazistische Parolen und Provokationen. Mein eigener Deutsch-Leistungskurs schoss das Gruppenfoto für die Abizeitung der Schule auf dem KZ-Gelände. Ausser mir weigerten sich nur 2 weitere von knapp 30 Schülern, bei dieser menschenverachtenden Prozedur teilzunehmen. Frei nach dem Motto „Alle mal hübsch Lächeln im KZ“.
Die Nachkriegsgeschichte des KZs Neuengamme zeigt, dass die Verantwortung und das Verständnis unserer Historie in den Köpfen vieler Menschen immer noch abgestritten und verdrängt wird. Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, um einer Wiederholung der Geschichte vorzubeugen.

Kein Vergeben, kein Vergessen!
Nationalsozialismus in allen Formen bekämpfen!

[1] http://www.carl-walther.de/index.php?company=walther&lang=DE&content=unternehmen&sub=historie

Inhaltliche Ergänzung, 25.5.:
Auf der Seite der Gruppe „sous la plage“ aus Hamburg findet sich ein Text, der sich mit der neuen Leitung des KZ Neuengamme, nämlich einem Absolventen der Bundeswehruniversität beschäftigt.

Gerade aus diesem Grund halten wir die derzeitigen Entwicklungen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme für äußerst problematisch. Nicht nur, dass eine gemeinsame Konferenz der Gedenkstätte und der Bundeswehruniversität veranstaltet wurde, nicht nur, dass regelmäßig der unerträgliche Anblick uniformierter deutscher Soldatinnen und Soldaten, die an Führungen teilnehmen, in der Gedenkstätte zu sehen ist, nun sollte nach dem Willen der Gedenkstättenleitung ein Soldat als Pädagoge in der Gedenkstätte eingesetzt werden und auch Führungen beispielsweise von Schulklassen über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers übernehmen.

Weiter bei sous la plage…


3 Antworten auf “Massengrab Neuengamme – Bericht einer Exkursion oder kein Vergessen in Hamburg?”


  1. 1 antifarendsburg 22. Mai 2009 um 8:41 Uhr

    Ich könnte mir in den Arsch beißen, dass ich die Abfahrt verpasst habe. War zwar letztes Jahr erst in Neuengamme, aber ein Besuch reicht nicht, um sich die vielfältigen Ausstellungen intensiver anzugucken.

  2. 2 mc_geheimpapier 22. Mai 2009 um 17:33 Uhr

    recht kommod

  1. 1 Bobo Brazil » Walther P99 Pingback am 10. Juli 2009 um 8:27 Uhr
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