Bildet euch und andere!

Bildet euch…

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“
Dies stellt Immanuel Kant schon Ende des 18. Jahrhunderts fest und diese Aussage ist bis heute äußerst treffend. „Sapere aude!“ Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. Auch Kants Rat an seine Zeitgenoss_Innen hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit dem Radius Null – und das nennen sie ihren Standpunkt.[1]
Sich zu bilden geht also damit einher, alte Standpunkte neu zu überdenken und möglicherweise zu ändern. Das ist nicht unbedingt bequem, denn die meisten Menschen neigen dazu, in ihren alten Denkmustern zu verharren und diese innerlich gegen Kritik abzuschotten. Eine persönliche Weiterentwicklung ist so nicht möglich, außer in letzter Konsequenz zum Wahnsinn und zu einem verschwörungstheoretischen Weltbild, in dem nur noch das aufgenommen wird, was ins eigene Weltbild passt. Wer_Welche sich hingegen bildet, lernt Zusammenhänge zu verstehen, lernt aber vor allem, die eigene Beschränktheit zu begreifen. Das Wissen, darum (fast) nichts zu wissen [2], schützt davor, eigene Standpunkte zur absoluten Wahrheit zu erheben.

bildet andere…

Niemand weiß alles, niemand kann alles wissen. Dennoch haben die meisten Leute unterschiedliche Schwerpunkte und Interessen und interpretieren die gleichen Dinge unterschiedlich. Gemeinsame Bildung macht also nicht nur mehr Spaß, als sich ausschließlich alleine zu Hause in Büchern zu vergraben, es ist auch eine einfache Möglichkeit Wissen miteinander zu teilen.
Sich Bildung anzueignen ist eine ganz praktische Form von Gesellschaftskritik. Die Bildung, die uns gesellschaftlich vermittelt wird, in der Schule, in der Uni und bei Galileo dient vor allem einem Zweck: Menschen für das kapitalistische Wirtschaftssystem besser verwertbar zu machen. In einem Gesellschaftssystem, das alle Bereiche unseres Lebens mit seiner Verwertungslogik reglementiert, ist dies eine logische Folge. Wenn sich Menschen gemeinsam Bildung aneignen, üben sie praktische Solidarität und setzen sich -weitgehend hierarchiefrei- kritisch mit der Gesellschaft auseinander.

bildet Räte und Verbände…

Eine kritische Betrachtung der Gesellschaft, muss unweigerlich zu dem Wunsch führen, diese zu verändern. Die Ansicht der Vertreter_Innen des deutschen Idealismus, dass die Bildung unabhängig von den Verhältnissen sei, in denen sie stattfindet, ist unlogisch. Die Gedanken sind frei.[3] Aber dennoch sind die Gedanken gefangen in den herrschenden Verhältnissen. Eine Veränderung der Gesellschaft kann nur in Abgrenzung zu der bisher bestehenden stattfinden. Was wir wollen, können wir gedanklich nur aus dem ableiten, was wir nicht wollen. Es erscheint uns unsinnig und unmöglich, die Befreiung des Menschen auf seinen Geist zu beschränken. Vielmehr muss es darum gehen, alle Verhältnisse um[zu]werfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.[4,5,6] Wir wollen uns gemeinsam mit der Welt auseinandersetzen, wir wollen die Welt gemeinsam verändern!

…bildet euch nicht ein ein, ihr wäret hilflos und könnt nichts verändern!

Fußnoten:
[1] Albert Einstein, Physiker und Humanist
[2] Frei nach Sokrates‘ Paradoxon: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“
[3] Heinrich Heine, Dichter
[4,5,6] Karl Marx, Ökonom und Philosoph: „Die Veränderung des Bewusstseins, abgetrennt von den Verhältnissen […]ist selbst ein Produkt der bestehenden Verhältnisse und gehört mit zu ihnen .“ „[…]dass wir nicht dogmatisch die Welt antizipieren, sondern erst aus der Kritik der alten Welt die neue finden wollen.“